„Interview mit der Vorstandsvorsitzenden Waltraud Baier“

Waltraud Baier, als Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende haben Sie am 18.11.2010 die „Neue Assekuranz Gewerkschaft (NAG)“ mit aus der Taufe gehoben.

Warum brauchen wir eine „neue“ Gewerkschaft allein für die Versicherungsbranche?

Waltraud Baier: „Im Grunde beleben wir lediglich das Organisationsprinzip der deutschen Gewerkschaftsbewegung neu, die sich immer nach Branchen organisiert hat. Dass dies in den vergangenen Jahren zunehmend durch Fusionen von Branchengewerkschaften „verwässert“ wurde, hat nach unserer Auffassung eindeutig nichts damit zu tun, dass dieses Prinzip falsch gewesen wäre. Wir wollen uns wieder verstärkt der Frage widmen, welche neuen Interessen die Beschäftigten entwickelt haben und wie sich die Gewerkschaft dafür einsetzen kann.

Beschäftigte der Versicherungsbranche, die sich heute in einer Gewerkschaft organisieren wollen, haben nur die Möglichkeit, einer Vereinigung beizutreten, die unter anderem für die Versicherungsbranche tätig ist, mit der Folge, dass sie dort immer eine Minderheit sind. Und dass Interessen von Minderheiten in einer Vereinigung nicht immer die Bedeutung haben, wie sie z. B. großen Beschäftigtengruppen zuteil werden, kann nach unserer Auffassung nicht als unrealistisch bezeichnet werden. Im Ergebnis führt dies dazu, dass sich viele Versicherungsangestellte zusehends schlechter vertreten fühlen.

Zudem ist die Versicherungsbranche mit ihrem Geschäftsmodell so besonders, dass sie aus unserer Sicht auch einer spezialisierten Gewerkschaft bedarf. Denn es sind die Versicherungsangestellten, die ihre Interessen am Besten kennen, wissen, was sich ändern muss, damit sie gute Arbeit leisten können, für die sie auch eine gute Bezahlung verlangen können. Das hat auch überhaupt nichts mit so genannten Partikularinteressen zu tun, wie manche Kreise es gern behaupten. Die zunehmende Komplexität der Arbeitswelt verlangt geradezu danach.

In der Praxis erleben wir es ganz aktuell: Der rasante Wandel in den Versicherungskonzernen wird weitestgehend gar nicht von den Gewerkschaften thematisiert. Wir erleben Arbeitsplatzabbau, gewaltige Umorganisationen und Tarifflucht. Das sind Zustände, die aus unserer Sicht von einer Gewerkschaft stärker behandelt werden müssen.

Übrigens: andere Branchen haben es uns vorgemacht. Auch hier haben sich spezialisierte Gewerkschaften gebildet und bestens bewährt. Wir sind klein, beweglich und speziell, wollen keinen riesigen Funktionärsapparat und sind streng nach dem Prinzip aufgestellt, dass die Mitglieder bei uns das Sagen haben. Wir wollen aus dem in seiner Dramatik kaum noch zu beschreibenden Mitgliederschwund anderer Vereinigungen lernen und es besser machen.“

Aber bedeutet das nicht eine Entsolidarisierung? Themen wie befristete Arbeitsverhältnisse, Arbeitnehmerüberlassung, Rente ab 67 betreffen doch die Beschäftigten aller Branchen. Können sie deshalb nicht nur gemeinsam gelöst werden?

Waltraud Baier: „Im Gegenteil: Die neue Gewerkschaft der Versicherungsangestellten will sich für die Mindestlöhne, für die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte, Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge sowie eine gute soziale Absicherung der Beschäftigten einsetzen. Des Weiteren wollen wir alle Formen ungesicherter Arbeitsverhältnisse zurück drängen.“

Versteht sich die NAG als Konkurrenz zu anderen Gewerkschaften, speziell zu ver.di?

Waltraud Baier: „Eindeutig nein, eine Gewerkschaft sollte grundsätzlich nicht in Konkurrenz zu ihren Mitstreitern stehen. Im Ergebnis geht es uns doch gemeinsam darum, das Beste für die Beschäftigten der Versicherungsbranche zu erreichen. Mit allen, denen dieses Ziel genau so wichtig ist, wollen wir zukünftig Seite an Seite für die Interessen der Belegschaften einstehen.

Klar ist, dass es sicher unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was das Beste für die Versicherungsangestellten ist. Aus unserer Sicht gehören überraschende Tarifabschlüsse hinter verschlossenen Türen oder die Einführung der Tarifgruppen A und B sicher ebenso wenig dazu wie eine Position, die im Ergebnis auf die Abschaffung der Privaten Krankenversicherung hinausläuft. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen sind aus anderen Vereinigungen ausgetreten oder hadern schon länger mit ihnen. Bislang fehlt Ihnen in der Assekuranz eine Alternative. Diese Alternative wollen wir sein.

Trotz gemeinsamer Zielsetzungen stehen wir im Vergleich zu anderen Gewerkschaften sicher teilweise für andere Inhalte. Das ist doch ganz klar, sonst bräuchte es uns ja nicht. Letztlich müssen die Beschäftigten entscheiden, welche Inhalte und welchen Ansatz sie unterstützen wollen. Wichtig ist vor allem, dass sich die Belegschaften nicht entsolidarisieren. Mitgliederquoten im einstelligen Prozentbereich sprechen für sich und nützen am Ende nur den Arbeitgebern. Die Beschäftigten der Versicherungswirtschaft müssen zu neuer Stärke finden.“

Für welche Inhalte steht denn die NAG?

Waltraud Baier: „Zunächst einmal – und das ist uns ganz besonders wichtig – sind wir mit unseren Inhalten keineswegs abschließend festgelegt. Wir sind eine Gewerkschaft, die sich noch im Aufbau befindet. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern, also den Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben, wollen wir gemeinsame Inhalte erarbeiten. Unsere Mitgliederversammlung im April nächsten Jahres wird dann die Grundlage unseres weiteren Handelns bilden.

Dennoch gibt es schon jetzt einzelne Themenbereiche, die aus unserer Sicht für die Versicherungsbranche sehr bedeutend sind, bislang jedoch recht stiefmütterlich behandelt wurden. Beispielhaft seien hier die Stärkung der privaten Krankenversicherung oder auch die Notwendigkeit eines Ausbaus und der Qualifizierung des angestellten Außendienstes aufgrund der immer komplexer werdenden Beratungserfordernisse genannt. Wir sehen sehr besorgniserregende Tendenzen zu Outsourcing, Offshoring und dem Missbrauch von Leiharbeit. Außerdem ist die Belastung der Gesundheit unserer Kolleginnen und Kollegen durch Arbeitsdruck und Unsicherheiten über die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze deutlich angestiegen. Schon jetzt kann ich sagen, dass das wesentliche Inhalte unserer Arbeit sein werden.

Ganz hohe Priorität hat für uns natürlich die nahende Tarifrunde im Frühjahr 2011, in der wir erstmals Flagge zeigen wollen. Insofern kommt – das kann man sich denken – auch der Gründungszeitpunkt der NAG nicht von ungefähr. Zu geringe Tariferhöhungen, die zu einer Absenkung der Realeinkommen führen, müssen ein Ende haben. Als wäre das nicht schon schlimm genug, erleben wir darüber hinaus auch noch Bestrebungen der Arbeitgeber, das Gehaltsgefüge in Gänze nach unten zu bewegen und Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Aus unserer Sicht entspricht das weder der Arbeit, die in Versicherungen zu leisten ist, noch dem Qualifikationsniveau. Diese Entwicklungen klaglos hinzunehmen und nur das vermeintlich „Schlimmste“ abzumildern, dafür steht die NAG nicht. Wir wollen zusammen mit den Beschäftigten für branchenangemessene Arbeitsbedingungen, Bezahlungen und Absicherungen eintreten.“

Vielen Dank für das Interview.